Von fehlenden Erntehelfern, viel Solidarität und einer Menge Galgenhumor

Mrz 25, 2020Spargel

Nun ist es erstmal offiziell – keine Erntehelfer kommen mehr nach Deutschland. Über Land schon lange nicht mehr, aber seit gestern kommt auch niemand mehr per Flugzeug ins Land. Unsere Spargelernte hat schon längst begonnen und uns bleiben ganze 18 Erntehelfer. Dabei können wir uns noch glücklich schätzen, es gibt viele Betriebe, die noch schlechter dastehen. Für uns und all die anderen personalintensiven Betriebe in der Landwirtschaft, hat das verherende Folgen. Was wir jetzt nicht ernten, pflanzen oder an Erntevorbereitungen treffen, lässt sich nicht auf später verschieben – das heißt im Klartext, dass es zu Ernteausfällen kommen wird, die unwiderruflich zur Lebensmittelknappheit führen und die für unsere Betriebe existenzbedrohend sein werden. Unter normalen Umständen hätten wir jetzt ca 40 Erntehelfer auf dem Hof und in der Haupterntezeit bis zu 90.

Unseren verbleibenden 18 Erntehelfer möchten wir an dieser Stelle unseren aufrichtigen Dank aussprechen. Auch sie haben Familie in Rumänien um die sie sich sorgen und dennoch unterstützen sie uns ohne wenn und aber.

Überwältig sind wir des Weiteren von der Solidarität, die wir aus der Neuenstädter Bevölkerung und aus der gesamten Region Heilbronn erfahren. Viele lieben Freunde und Bekannte aus der Umgebung, der TSV Neuenstadt, das Rugby Team Neckarsulm, die Kantorei der evangelischen Kirche Neuenstadt und der Rotary Klub Abstatt-Lauffen haben uns während der letzten Tage immer wieder angeboten uns zu unterstützen. Wir danken allen aus tiefstem Herzen, denn schon alleine die große Anteilnahme und Hilfsbereitschaft tut uns in diesen schweren Zeiten unendlich gut und gibt uns Kraft.

Bis zum jetzigen Zeitpunkt haben wir ausschließlich drei junge Männer aus dem Rugby-Team angestellt. Zwei Neuseeländer und ein deutscher Student stehen uns seit 6 Tagen tatkräftig zur Seite .

In der Zwischenzeit haben die an Corona infizierten Fälle bei uns in der Region drastisch zugenommen. Immer mehr Betriebe stellen Ihre Produktion ein oder die Mitarbeiter arbeiten von zu Hause, die Schulen sind seit einer Woche geschlossen, das öffentliche Leben ist zwar eingeschränkt, aber um ein schnelles Ende der Pandemie zu erreichen genügen diese Einschränkungen bei weitem nicht. Bei all diesen Maßnahmen stellt sich bei uns unwiderruflich die Frage: Was passiert, wenn wir die vielseitigen Hilfsangebote aus der Region annehmen und nur einer davon mit dem Coronavirus infiziert ist? Müssen wir mit unserem Betrieb dann für mehrere Wochen in Quarantäne gehen? In der Landwirtschaft ist das undenkbar, denn wenn der Spargel nicht geerntet wird wächst er weiter. Wir können uns ein solches Szenario nicht erlauben. Von unserem Landwirtschaftsminister Hauk und auch von unseren Verbänden gibt es für diesen Fall noch keine Äußerungen.

Im Moment leben wir streng isoliert von der Außenwelt. Unsere Kinder haben schon seit Schulschließung striktes Verbot sich mit Freunden zu treffen, maximal 1-2 Personen erledigen die Einkäufe für mehrere Personen bzw Haushalte. Unsere rumänischen Mitarbeiter haben striktes Verbot sich nach der Arbeit außerhalb ihrer Unterkünfte aufzuhalten und auch bei Ihnen erledigt die Einkäufe nur eine Person. Unseren drei externen jungen Männer haben wir sehr ans Herz gelegt nach der Arbeit zu Hause zu bleiben, aber kontrollieren können wir das nicht. Das sind nur drei, wenn wir aber viele externe Arbeitskräfte dazu holen, dann steigt die Gefahr einer eventuellen Ansteckung . Wir sind ratlos und Politik und Verbände scheinen es gleichermaßen zu sein.

Unabhängig von unserer jetzigen Situation hoffen wir, dass Politik und Gesellschaft durch Corona wachgerüttelt werden. Vor einem Monat noch haben wir mit unseren Berufkollegen auf den Bauerndemonstrationen demonstriert – für den Erhalt der deutschen Landwirtschaft. Vor allem, weil regionale Landwirtschaft der nachhaltigste Weg der Lebensmittelversorgung ist und wir uns nicht abhängig von anderen Staaten machen dürfen.

Unter der jetzigen Bundesregierung hat sich die Lage für die deutschen Landwirte immer weiter zugespitzt. Freihandelsabkommen, eine evtl. Steigerung des Mindestlohns, wissenschaftlich nicht nachvolziehbare Einschränkungen beim Pflanzenschutz und die ebenso nicht praktikable Düngeverodnung. Gleichzeitig Äußerungen von unserer Landwirtschaftsministerin Frau Klöckner, dass es in Ordnung sei Lebensmittel zu importieren, die mit Pflanzenschutz behandelt sind, der hier verboten ist. Viele Momente während des letzten Jahres waren wir ratlos über den fehlenden gesunden Menschenverstand derjenigen, die über unser aller Zukunft entscheiden. Vielleicht ist diese Coronakrise wenigstens dafür gut, dass Politiker und auch die NGOs nun beginnen die Lage neu zu bewerten und gemeinsam mit uns nach Lösungen suchen.

Was hält uns trotzdem noch am Lächeln? Unsere Familie, die Tatsache, dass wir gesund sind, die Solidarität der Menschen und zu guter Letzt eine gute Portion an Galgenhumor.

Was können Sie tun, um in Krisen wie diesen die Lebensmittelsicherheit in Deutschland zu fördern? Kaufen Sie regional und saisonal – am besten von Ihren Landwirten vor Ort und sparen Sie nicht ausgerechnet an den Lebensmitteln.